Schwellenländer im Fokus – Wo Wachstum auf Innovation trifft

Marktanalyse
04.09.2026
4 minuten
    Martin Fechtner
    Portfoliomanager

Schwellenländer werden häufig mit Volatilität, politischer Unsicherheit und Währungsrisiken assoziiert. Doch für langfristig orientierte Anleger stellen sie auch eine der wichtigsten Quellen für globales Wachstum, Innovation und Diversifikation  dar.  Die  Anlageklasse  ist  längst  keine Nischenallokation mehr. Schwellen- und Entwicklungsländer wachsen – trotz zuletzt gesenkter Prognosen – weiterhin schneller als die Industrieländer und bleiben eine tragende Säule der Weltwirtschaft. Nach Einschätzung des IWF dürfte das globale Wachstum 2026 moderat bleiben, während für die Schwellenländer weiterhin ein höheres Wachstumstempo als für die Industrieländer erwartet wird.

Für Anleger ist dieser Wachstumsvorsprung von besonderer Bedeutung. Schwellenländer bieten Zugang zu Volkswirt-schaften, die von steigenden Haushaltseinkommen, einer wachsenden Mittelschicht, Urbanisierung, Infrastruktur-investitionen und modernen Technologien profitieren. Diese strukturellen Wachstumstreiber können Binnenkonsum und Unternehmensgewinne langfristig stärken.

Zugleich eröffnen Schwellenländer den Zugang zu Regionen und Sektoren, die in klassischen, auf die USA oder Europa fokussierten Portfolios oftmals unterrepräsentiert sind.

Aus Anlegersicht können Schwellenländer eine wichtige Rolle als Diversifikator in einer globale Aktienallokation spielen. Ihre Konjunkturzyklen, Währungen, Sektorstrukturen und Wachstumstreiber unterscheiden sich oft deutlich von denen entwickelter Märkte. Damit lässt sich die Abhängigkeit von wenigen Wachstumstreibern in den Industrieländern verringern – besonders in einer Zeit, in der viele globale Portfolios weiterhin stark auf US-Aktien und große Technologieunternehmen fokussiert bleiben.

Dieses Diversifikationsargument hat zuletzt nochmals an Relevanz gewonnen. Nach Jahren der Dominanz des US-Marktes suchen viele Anleger nach breiteren Ertragsquellen. Schwellenländer können Zugang zu anderen Gewinnzyklen und langfristigen Wachstumsthemen bieten. Zudem ist diese Anlageklasse intern vielfältiger geworden. China bleibt zwar wichtig, doch durch technologischen Fortschritt und den Vormarsch künstlicher Intelligenz (KI) haben Südkorea und Taiwan an Bedeutung gewonnen. Auch Indien ist eine gewichtige und etablierte Komponente im Anlageuniversum. Dadurch gewinnt das Schwellenländeruniversum zusätzlich an Attraktivität.

Eine wesentliche Veränderung im vergangenen Jahrzehnt besteht darin, dass Schwellenländer nicht länger nur für Rohstoffe, Banken oder kostengünstige Fertigung stehen. Mehrere Länder spielen inzwischen eine zentrale Rolle im globalen Innovationsgeschehen.

Taiwan und Südkorea sind zentrale Pfeiler der globalen Halbleiter-Wertschöpfungskette, während China in den Bereichen E-Commerce, Elektrofahrzeuge, Batterien, KI und moderner Fertigung weiterhin eine führende Rolle spielt. Anleger in Schwellenländern investieren daher nicht nur in eine von Binnenkonsum getragene Wachstumsdynamik, sondern auch in treibende Kräfte des weltweiten technologischen Wandels.

Besonders wichtig ist dabei das Thema KI. Zwar ist die Aufmerksamkeit der Anleger oft auf die großen US-Technologieunternehmen gerichtet. Die Infrastruktur hinter der KI ist jedoch global aufgestellt.

Halbleiterhersteller, Speicherchip-Produzenten, Hardwarelieferanten und moderne Fertigungsunternehmen in Asien bilden das Rückgrat des KI-Ökosystems. Mit steigenden KI-Investitionen könnten ausgewählte Unternehmen aus den Schwellenländern weiter von diesem strukturellen Trend profitieren.

Neben dem Technologiesektor treibt auch die Demographie das langfristige Wachstum vieler Schwellenländer an. In Teilen Asiens, Lateinamerikas und Afrikas sorgen eine jüngere Bevölkerung und eine wachsende Mittelschicht für eine steigende Nachfrage nach Finanzdienstleistungen, Wohnraum, Gesundheitsversorgung, Bildung, Konsumgütern und Infrastruktur.

Dieser Trend begünstigt vor allem Unternehmen mit starken lokalen Marken, skalierbaren Plattformen und Zugang zu wenig erschlossenen Märkten. In Bereichen wie E-Commerce, digitalem Banking, Gesundheitswesen und konsumnahen Dienstleistungen weisen viele Schwellenländer eine nach wie vor deutlich niedrigere Marktpenetration auf als die Industrieländer. Dies eröffnet Chancen für langfristiges Wachstum, da die Einkommen steigen und die fortschreitende Digitalisierung das Konsumverhalten verändern.

Attraktive Anlagethemen: Schwellenländer eröffnen Zugang zu einigen der überzeugendsten strukturellen Wachstumsthemen. China spielt bei Innovationen rund um Elektrofahrzeuge und Batterien eine führende Rolle. Andere asiatische Unternehmen wie TSMC, Samsung und SK Hynix dominieren die moderne Halbleiterfertigung und zählen auch zu den größten Profiteuren des globalen KI-Trends. Auch chinesische Technologie- und Pharmaunternehmen gewinnen dank ihrer Innovationskraft und Kostenvorteile zunehmend an Wettbewerbsfähigkeit.

Kräftiges Gewinnwachstum erwartet: Unternehmen in Schwellenländern dürften im Vergleich zu anderen wichtigen Regionen das stärkste Gewinnwachstum verzeichnen. So wird für den MSCI Emerging Markets 2026 und 2027 ein deutlich stärkeres Gewinnwachstum erwartet als für die USA, Europa und Japan, was die Investmentthese für Schwellenländeraktien zusätzlich stützt.

Vielfältigere Anlagechancen: Das Schwellenländeruniversum ist mittlerweile weniger abhängig von China. Mehr als 75 % des MSCI Emerging Markets Index entfallen mittlerweile auf andere Länder. Märkte wie Indien, Taiwan, Südkorea, Brasilien und Mexiko bieten vielfältige Wachstumstreiber und eröffnen zahlreiche Anlagechancen.

Attraktive Bewertungen: Schwellenländer überzeugen nicht nur mit besseren Wachstumsaussichten, sondern auch mit günstigeren Bewertungen im Vergleich zu Industrieländern, besonders den USA. Niedrigere Kurs-Gewinn-Verhältnisse eröffnen Anlegern die Chance auf höheres Wachstumspotenzial zu attraktiven Einstiegsbewertungen.

Schwellenländer bieten vielfältige Anlagemöglichkeiten, sind jedoch keineswegs homogen. Länder- und geopolitische Risiken, Währungsschwankungen, Corporate-Governance-Standards und regulatorische Rahmenbedingungen unterscheiden sich teils erheblich. Es genügt daher nicht, pauschal „Schwellenländeraktien zu kaufen“. Stattdessen gilt es, dieses Anlageuniversum gezielt über einen selektiven, diversifizierten und qualitätsorientierten Ansatz zu erschließen. In maßgeblichen Schwellenländerindizes nehmen Großunternehmen mit erheblichem staatlichem Einfluss, Finanzinstitute oder rohstoffnahe Unternehmen oft strukturell ein hohes Gewicht ein.

Diese Unternehmen mögen in ihren Volkswirtschaften eine wichtige Rolle spielen, zählen jedoch nicht zwingend zu den innovativsten Marktsegmenten. Zudem stehen die Interessen der Aktionäre nicht immer an erster Stelle. Daher bilden passive Indexanlagen einige der attraktivsten langfristigen Wachstumschancen oft nur unzureichend ab.

Ein robuster Anlageprozess sollte Unternehmen mit soliden Bilanzen, nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen, transparenter Corporate Governance und langfristigen Wachstumstreibern in den Fokus rücken. Eine ESG-Analyse kann zudem dazu beitragen, Unternehmen zu identifizieren, die in Bezug auf ökologische und soziale Risiken besser aufgestellt sind, insbesondere in Märkten, in denen Offenlegungsstandards und regulatorische Rahmenbedingungen variieren können.

Deshalb kann aktives Management in Schwellenländern von besonderer Relevanz sein. Hier sind die Unterschiede zwischen Ländern, Sektoren und Unternehmen häufig größer als in Industrieländern. Das bietet Anlegern die Möglichkeit, strukturelle Gewinner von „Value Traps“ zu unterscheiden.

Bei den in diesem Dokument genannten Beispielen handelt sich nicht um eine Anlageempfehlung. Historische Wertentwicklungen, Simulationen oder Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Wertentwicklungen und unterliegen im Zeitverlauf Schwankungen. Die Wertentwicklung von Anlagen mit Engagements in Fremdwährungen kann aufgrund von Wechselkursschwankungen steigen oder fallen. Schwellenländer können stärkeren politischen, wirtschaftlichen oder strukturellen Herausforderungen ausgesetzt sein als Industrieländer, was zu einem höheren Risiko führen kann.

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    Martin Fechtner
    Portfoliomanager