Im Schatten des KI-Booms: Die Entstehung neuer Investmentchancen

Marktanalyse
17.07.2026
3 minuten

Elektrifizierung gilt daher zunehmend nicht nur als zentraler Baustein der Energiewende, sondern auch als strategische Notwendigkeit.

Laurent DENIZE Laurent DENIZE

Global CIO

Heutzutage dreht sich fast jedes Gespräch um die disruptive Wirkung künstlicher Intelligenz – und das zu Recht. Wir erleben eine tiefgreifende technologische Revolution. Sie hat das Potenzial, nicht nur unseren Alltag grundlegend zu verändern, sondern auch die Art, wie wir investieren, Kapital allokieren und Portfolios positionieren. Doch im Schatten des aktuellen KI-Fokus vollzieht sich noch eine weitere bedeutende Transformation, die sich als ebenso weitreichend erweisen könnte: die sich abzeichnende Revolution im Energiesektor.

Der von Rechenzentren getriebene Anstieg der Stromnachfrage schafft erhebliche Herausforderungen, eröffnet aber zugleich attraktive Anlagechancen. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, dieses Thema genauer zu beleuchten – zumal weite Teile der Welt derzeit unter extremen Hitzewellen leiden und sich der Realität eines strukturellen Anstiegs der globalen Temperaturen stellen müssen.

Energiesicherheit bedeutete lange Zeit, durch stabile Importe und vielfältige Lieferwege verlässlichen Zugang zu fossilen Brennstoffen sicherzustellen. Doch jüngste geopolitische Entwicklungen – vor allem Europas Abhängigkeit von russischem Gas vor 2022 – haben die Grenzen und Schwächen dieses Modells offengelegt. Unterbrochene Gaslieferungen führten zu kräftigen Preissprüngen, schwächten die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und zwangen zu einer kostspieligen Neuausrichtung der Lieferketten. Noch entscheidender war jedoch die Erkenntnis, dass die Kontrolle über Energiesysteme strategisch wichtiger sein kann als die bloße Diversifizierung von Energiequellen.

Elektrifizierung gilt daher zunehmend nicht nur als zentraler Baustein der Energiewende, sondern auch als strategische Notwendigkeit. Eine heimische Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien und Kernkraft stärkt die nationale Souveränität, weil sie die Abhängigkeit von importierten Energieträgern und volatilen Rohstoffmärkten verringert. Gleichzeitig bringt diese Neuausrichtung neue Herausforderungen mit sich. Anders als Öl und Gas lässt sich Strom nicht ohne Weiteres in großem Maßstab speichern oder über weite Distanzen transportieren. Energiesicherheit hängt daher immer stärker von der Resilienz und Effizienz einer Infrastruktur ab, die Erzeugung, Übertragung und Verteilung präzise miteinander verzahnt.

Die wachsende Stromnachfrage treibt weltweit den Wandel der Energiesysteme voran. Beschleunigt wird der Trend durch den Ausbau von Rechenzentren, die steigende Zahl von Elektrofahrzeugen, die Elektrifizierung von Heizung und Wärmeversorgung sowie die Neuaufstellung industrieller Prozesse. Gleichzeitig entfällt der überwiegende Teil der neu geschaffenen Erzeugungskapazitäten auf erneuerbare Energien. Doch die Stromnetze haben Mühe, Schritt zu halten. Viele wurden vor Jahrzehnten für ein zentralisiertes Modell konzipiert und stehen nun vor einer doppelten Herausforderung: die steigende Nachfrage decken und volatile erneuerbare Energien integrieren. Veraltete Anlagen und unzureichende Investitionen in die Netzinfrastruktur verschärfen die Lage zusätzlich.

Das führt zu einem Paradoxon: Elektrifizierung stärkt langfristig die Energieunabhängigkeit, erhöht aber zugleich die Abhängigkeit von komplexer, kapitalintensiver Infrastruktur. Dadurch verlagert sich die Wertschöpfung zunehmend – weg vom Besitz an Ressourcen hin zur Fähigkeit, Stromsysteme effizient zu betreiben und zu optimieren. Für Investoren eröffnen sich unter Berücksichtigung der Risiken auch Chancen weit über die Stromerzeugung hinaus. Sie erstrecken sich über das gesamte Ökosystem, das es für eine verlässliche Stromversorgung braucht: Übertragungs- und Verteilnetze, Anlagen, Speichersysteme und Software zur Steuerung immer komplexerer Netze. Entscheidend ist: Diese Investitionen bleiben unverzichtbar, unabhängig von politischen Zyklen und Kurswechseln. Stromnetze müssen weiterhin sicher, effizient und zuverlässig betrieben werden. Am Ende hängen wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und nationale Resilienz in zunehmendem Maße von einer robusten und autonomen Strominfrastruktur ab.

Meine Empfehlung ist relativ einfach.

In der aktuellen Marktphase gestalten sich stark konzentrierte Stock-Picking-Strategien zunehmend anspruchsvoll. Die kurzfristige Kursentwicklung vieler Aktien scheint heute weniger stark an Fundamentaldaten gekoppelt zu sein als in der Vergangenheit. Die Volatilität auf Einzelwertebene nimmt weiter zu. Es gab viele Beispiele von Unternehmen, deren Aktienkurse um 20% oder mehr nach oben oder unten ausgeschlagen sind – meist getrieben von Kapitalströmen, Positionierungen oder Spekulation, nicht von Entwicklungen im operativen Geschäft. Das große Angebot an gehebelten Anlagestrategien verstärkt diese Dynamik zusätzlich.

In solch einem Umfeld ist Diversifikation schlichtweg ein Gebot der Vernunft. Anleger sollten ihr Portfolio breiter aufstellen – nicht nur über eine größere Anzahl von Unternehmen, sondern auch auf verschiedene Branchen, Teilsektoren und Regionen hinweg–, um idiosynkratische Risiken zu verringern. ETFs und aktiv gemanagte Fonds bieten aus dieser Sicht Möglichkeiten, um Zugang zu langfristigen strukturellen Themen zu erhalten.

Im Kontext der Elektrifizierung sollten Anleger meines Erachtens über eine passive Indexabbildung hinausdenken und aktives Management bevorzugen. Wie bereits erläutert, ist das Anlageuniversum breit und vielschichtig. Es reicht von Infrastrukturbetreibern über operative Effizienz und Infrastrukturentwicklung bis zu Anlagenbau, Softwarelösungen und Energiespeicherung. Wer attraktive Chancen erschließen will, braucht eine entsprechende Risikobereitschaft sowie einen selektiven und flexiblen Ansatz. Breite Marktindizes können das nicht immer leisten.

Themen bleiben starke Treiber der langfristigen Wertentwicklung. Dies gilt für KI, Elektrifizierung oder die umfassendere Transformation der Infrastruktur, die sie ermöglichen. Noch grundlegender scheint etwas anderes: Die Weltwirtschaft scheint in eine neue Phase einzutreten. In dieser wird das Wachstum weniger von Konsum, sondern stärker von Investitionen und Kapitalausgaben getragen werden.

Anleger sollten ihre Portfolios entsprechend anpassen. Ausschlaggebend für den Anlageerfolg ist es, die richtigen strukturellen Themen zu erkennen, Kapital in die aussichtsreichsten Regionen zu lenken, die am besten positionierten Sektoren auszuwählen und am Ende in die Unternehmen mit den stärksten Wettbewerbsvorteilen zu investieren.

Das ist zweifellos eine anspruchsvolle Aufgabe. Genau dieser Herausforderung stellen wir uns Tag für Tag.

Ich wünsche Ihnen eine erholsame Sommerpause!